Berliner Lichtblicke

 

Im Herbst 2016 fand in der Galeriekunstkreuz in Berlin-Pankow eine Ausstellung verschiedener Berlin-Gemälde der Jahre 2013 bis 2016 statt. Die Begleittexte sind gekürzte Fassungen aus dem Ausstellungskatalog.

April (Frankfurter Tor)
April (Frankfurter Tor)

Öl auf Leinwand verkauft Jeder kennt die „Zuckerbäckerhäuser“, die nach den schweren Zerstörungen des 2. Weltkriegs entlang der damaligen Stalinallee über hunderte Meter errichtet wurden. Hier indes geht die ganze neoklassizistische Pracht in einem jähzornigen Frühjahrsgewitter unter. Aber so schnell, wie das Unheil heraufzog, bricht in der Ferne hinter dem Fernsehturm schon wieder die Sonne hervor und taucht den nassen Asphalt in gleißendes Licht. April eben.

Das Kreuz des Südens
Das Kreuz des Südens

Öl auf Leinwand verkauft Da ist vor ein paar Jahren ein Raumschiff gelandet im Schöneberger Osten. Nachts kann man seine Lichter von Weitem sehen, denn hier ist einfach nichts, was die Sicht verstellen könnte. An einem schönen, klirrendkalten Wintertag schimmert es blau am Horizont. Von Zeit zu Zeit spuckt das Mutterschiff einen schmalen Streifen aus, der in der Sonne blitzt und rasch näherkommt; lautlos fast gleitet er heran, wird größer, noch größer: Es ist – – die S25 nach Hennigsdorf.

Das Gelb liegt auf der Straße
Das Gelb liegt auf der Straße

Öl auf Leinwand verkauft Die Oranienburger Straße hat schon unzählige Male ihr Gesicht gewechselt. Anfang des 20. Jahrhunderts entstand hier im Herzen des ehemaligen jüdischen Viertels eine prächtige Einkaufspassage, deren Kriegsruine nach der Wende von Künstlern vor dem Abriss bewahrt wurde, als Kunsthaus Tacheles berühmt wurde und inzwischen wieder leersteht. Derweil auf dem Rest des Grundstücks ein Investor baut. How long is denn hier eigentlich mal now?, möchte man fragen.

Heimatstück
Heimatstück

Öl auf Leinwand nicht verfügbar Das Gartenhaus ist ein wenig in die Jahre gekommen, die Tür lässt sich nur noch gewaltsam und unter metallischem Kreischen dazu bewegen, die beherbergten Fahrräder freizugeben. Die Kiefer, einst kniehohes Souvenir aus einem Dänemark-Urlaub im Jahre 1985, überspannt inzwischen mit ihrer mächtigen Krone den Giebel des Hauses. Aber sonst? Die Zeit steht still: Die Sonnenuhr liegt im Schatten. Am Zaun blühen die Rosen, textmarkerpink: Home is where the heart is.

Im Garten des Meisters
Im Garten des Meisters

Öl auf Leinwand verkauft Max Liebermann (1847-1935) ist wohl der bekannteste deutsche Impressionist. 1910 bezog er sein Sommerhaus am Wannsee (das Gebiet lag damals weit vor den Toren Berlins) und schuf fortan die berühmten lichtdurchfluteten Ansichten seines prächtigen Gartens. Noch heute noch spürt der Besucher einen heilenden Frieden beim Durchschreiten der Birkenallee, die den Blick auf den Wannsee freigibt. Als wäre der Meister nur kurz fortgegangen.

Eiszeit (I)
Eiszeit (I)

Öl auf Leinwand verkauft Gleichmütig scheint das Bodemuseum von der Spitze der Berliner Museumsinsel aus auf die Touristenkähne herabzublicken, die tagaus, tagein zu seiner Linken vorbeiziehen (niemals zur Rechten! Ein Schild warnt vor den im Kupfergraben zahlreich vermuteten „Kampfmitteln“ aus dem II. Weltkrieg). Im Winter aber, zur touristischen Unzeit, wirkt das Gebäude besonders erhaben. Schweigend hebt es sich gegen das Morgenrot ab, während unten auf der Spree die Eisschollen treiben.

Eiszeit II
Eiszeit II

Öl auf Leinwand verkauft Das Kraftwerk Lichterfelde am Ufer des Teltowkanals wurde Anfang der Siebziger Jahre erbaut. Als „Insel“ war West-Berlin auf eine möglichst autarke Stromversorgung angewiesen; das Trauma der Berlin-Blockade von 1948 hatte sich tief in das Gedächtnis der Halbstadt gebrannt. Seit 2012 entsteht direkt nebenan ein emissionsarmer Nachfolgebau, der die alte Anlage mit den drei Kaminen ersetzen soll. Sie sind ja auch nicht wirklich schön. Trotzdem: Jemand wird sie vermissen.

Fifty Shades of Green
Fifty Shades of Green

Öl auf Leinwand verkauft Auch das hier ist Schöneberg! Auf dem Gelände ehemaliger Fernbahngleise und eines stillgelegten Rangierbahnhofs ist nach und nach ein kleines Biotop entstanden, das vor erneuter Bebauung bewahrt und zu einem Landschaftspark erklärt wurde. Und so kann es passieren, dass der Besucher sich plötzlich einer „wilden“ Dampflok gegenübersieht, oder im dichten Gras entlang der Schienen eine rostige Weiche entdeckt.

Fromme Revoluzzerin
Fromme Revoluzzerin

Acryl auf Leinwand So manch älterer Dame möchte man ja gar nicht glauben, auf welch wilde Jugendjahre sie zurückblickt! Die Zionskirche in Berlin-Mitte kommt aus kleinen Verhältnissen – ihre Konfirmanden waren oft hungrig. Dietrich Bonnhoeffer predigte einst hier; später gab sie oppositionellen Gruppen in der DDR ein Zuhause: der Widerstand liegt ihr einfach im Gemäuer. Leider kränkelt die Schöne im Alter ein wenig. Sie freut sich daher über jeden Euro, der ihre Arztrechnungen bezahlen hilft!

Gas gegeben
Gas gegeben

Öl auf Leinwand Der Schöneberger Gasometer, Industriedenkmal und inoffizielles Bezirksmaskottchen, ist seit den 90ern in Rente. Einiges hat er gesehen: die Eingemeindung der Stadt Schöneberg in Groß-Berlin, die Straßenkämpfe der Weimarer Republik, den Bombenkrieg, den er unbeschadet überstand, bis zu den 70er und 80er Jahren, als der Kiez nur aufgrund massiver Proteste nicht dem Ausbau der Autobahn zum Opfer fiel. Die endet nun abrupt am Sachsendamm. Ein Ruhestand im Grünen – was will man mehr?

Juni (Tegeler See)
Juni (Tegeler See)

Öl auf Leinwand verkauft Kaum ein Tourist verirrt sich erstaunlicherweise an den Tegeler See, kennt das verwunschene Alt-Tegel. Dabei ist es nur eine Viertelstunde mit der U-Bahn bis zum Bahnhof Friedrichstraße. Auch bei bestem Sommerwetter hält sich der Trubel hier in Grenzen. Die Luft ist schwer vom Duft der blühenden Linden, die das Ufer säumen, behäbig gleiten die Segelboote und gelegentlichen Ausflugsdampfer auf dem Weg zur Havel vorüber. Und am Horizont steigen lautlos die Flieger auf.

Kriegsversehrter
Kriegsversehrter

Öl auf Leinwand verkauft Die Geschichte des Anhalter Bahnhofs ist doppelt tragisch: Nicht nur, dass das technik- und architekturhistorisch bedeutsame Gebäude 1945 bei einem Luftangriff schwer beschädigt wurde – nach dem Krieg befand sich der Bahnhof zu nah an der neu entstandenen Zonengrenze. Die eigentlich wiederaufbaufähige Bahnhofshalle wurde 1959 gesprengt. Auch der Portikus sollte verschwinden; dass er heute noch an Krieg und Zerstörung gemahnt, verdanken wir einer Bürgerinitiative.

Platte, romantisch
Platte, romantisch

Öl auf Leinwand verkauft Die arme Platte. Müde belächelt als Irrweg der Nachkriegsarchitektur, muss sie sich dauernd mit ihren schönen Nachbarinnen vergleichen lassen. Dabei hat sie durchaus innere Werte: Das ganze Jahr über wird hier fleißig gearbeitet; ein wichtiger Teil der Humboldt-Universität ist hier beheimatet. Das weiß auch die Sonne zu würdigen: Zu Weihnachten 2015 gibt es einen Heiligenschein für die brave Ziegelstraße 13 – an diesem einen Tag überstrahlt sie alle anderen!

Tauwetter auf der Ost-West-Achse
Tauwetter auf der Ost-West-Achse

Öl auf Leinwand verkauft Diese Straßenbahn überquert gleich die Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Wedding. Fast in Schrittgeschwindigkeit wird sie den Scheitelpunkt der Bösebrücke passieren – als würden Fahrer und Insassen kurz innehalten, und der Tatsache gedenken, dass genau hier am 9.11.1989 einst der erste Grenzübergang öffnete. Der wahre Grund ist, indes, banal die Vermeidung von Kollisionen: denn die Straßenbahn fährt hier nur eingleisig. Aber schön ist die Vorstellung ja trotzdem.

Rise and Shine (II)
Rise and Shine (II)

Öl auf Leinwand nicht verfügbar So beschaulich erlebt man die Oranienburger Straße nur früh am Morgen. Für das zeitige Aufstehen wird man jedoch belohnt, sobald die Sonne auf die goldene Kuppel der Synagoge trifft. Hinter dem Gerüst zur Linken, unter dem sich das alte Postfuhramt verbirgt, wird bald der Baulärm wieder losgehen. Eine einsame Straßenbahn rumpelt die Straße hinunter. Richtig wach sind eigentlich nur die Schwalben, die über den Dächern einen weiteren heißen Sommertag ankündigen.

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